Video
Das Reinheitsgebot der Realität
Ich werde nie meine erste Videoreportage vergessen. Sie führte mich als Videojournalist (VJ) direkt auf die Toilette des Landshuter Christkindlmarktes. Dort traf ich ein Ehepaar, das dort seinen Lebensunterhalt verdiente: Sie waren Klofrau und Klomann. Während draußen die Welt nach Zimt und Glühwein duftete, erzählten sie mir drinnen von ihrem harten Alltag. Es war bitterkalt auf dem Markt und genauso kalt in ihrem kleinen Container. Ich habe diese Geschichte nicht nur gehört, ich habe sie gerochen. Ich hatte den beißenden Geruch von Pipi und Kaka in der Nase; die Pisse war warm und dampfte in der Kälte des Containers. In diesem Moment habe ich begriffen: Eine Geschichte muss man spüren. Und genau deshalb habe ich die Kamera auch dort hingehalten. Das ist mein Reinheitsgebot der Realität.
Die Kunst der redaktionellen Komposition In meiner Arbeit ist das Video die entscheidende Würze – wie der Hopfen beim Brauen. Doch für dieses Gefühl reicht Technik allein nicht aus: Ein Kameramann, der nicht mitdenkt, verpasst die entscheidende Komposition. Als VJ vereine ich Recherche, Kamera, Ton und Schnitt in einer Person. Ich komponiere bereits beim Dreh die journalistische Aussage. Ich weiß genau, was man braucht, um den Kern einer Erzählung freizulegen. Diese Voraussicht habe ich im Brauhandwerk gelernt: Man muss die Prozesse beherrschen, damit das Ergebnis am Ende meinem Reinheitsgebot der Realität entspricht.
Keine Kompromisse mehr Ab jetzt möchte ich nur noch so arbeiten. Wir haben heute alle keine Zeit mehr für unnötige Schnörkel oder künstliche Duftwolken. Mein schwerer Unfall vor drei Jahren hat diesen Blick für die nackte Substanz radikal geschärft. Seitdem gibt es für mich nur noch die Konzentration auf die ehrliche Komposition des Augenblicks – ohne Filter, ohne Ausflüchte.
Raphael Weiß steht für eine Videoproduktion, die keine Distanz schafft, sondern Nähe erzeugt. Ich arbeite für Ergebnisse, die handwerklich sauber, journalistisch fundiert und vor allem eines sind: spürbar, weil ich die Kamera dort halte, wo das Leben dampft.

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